Die Anchor Oyster Bar gehört zu jenen seltenen Restaurants in San Francisco, in denen gutes Essen, die Geschichte des Viertels und die LGBTQ+-Kultur ganz selbstverständlich an einem kleinen Tisch zusammenkommen. Das intime Fischrestaurant befindet sich in der Castro Street 579, mitten im legendären Schwulenviertel der Stadt, und bewirtet Einheimische wie Reisende bereits seit 1977. Es ist zwar kein ausschließlich schwules Lokal, doch seine Geschichte ist eng mit der queeren Community des Castro verbunden. Harvey Milk, dessen berühmtes Fotogeschäft sich nur wenige Schritte entfernt befand, soll persönlich dabei geholfen haben, die notwendigen Genehmigungen für die Eröffnung zu erhalten. Fast fünf Jahrzehnte später ist die Anchor Oyster Bar noch immer fester Bestandteil des Viertels und offiziell als „Legacy Business“ der Stadt San Francisco anerkannt.
Das Restaurant ist ausgesprochen klein – und genau das macht einen großen Teil seines Charmes aus. Hinter der Backsteinfassade und der weißen Markise mit blauen Ankern verbirgt sich ein schmaler Gastraum mit Sitzplätzen am Tresen und nur wenigen Tischen. Anker, Bojen, Muscheln und weitere maritime Details prägen die blau-weiße Einrichtung. Das Ergebnis erinnert an eine klassische Fischerkneipe an der Küste, nur eben mitten im Castro. Die Atmosphäre ist entspannt, herzlich und angenehm altmodisch. Auf durchgestylten Luxus oder unpersönliche Restaurantketten-Ästhetik wartet man hier vergeblich – und das ist eindeutig ein Kompliment.
Im Mittelpunkt stehen frische Meeresfrüchte. Je nach Saison und Verfügbarkeit umfasst die Speisekarte Austern, Venusmuscheln, Miesmuscheln, Garnelen, Crab Cakes und andere Spezialitäten der amerikanischen Westküste. Besonders bekannt ist das Restaurant für sein Cioppino, den berühmten italienisch-amerikanischen Fischeintopf aus San Francisco. Die großzügige Version der Anchor Oyster Bar kombiniert Fisch und Schalentiere mit einer kräftigen Tomatenbrühe, die mit Kräutern, geröstetem Knoblauch und Butter verfeinert wird. Das Gericht ist aromatisch, wärmend und herrlich üppig. Elegantes Essen sieht vielleicht anders aus, aber beim Öffnen von Krabbenscheren darf die Würde ruhig kurz Pause machen.
Hinter der Küche steckt eine persönliche Familiengeschichte. Eigentümerin und Küchenchefin Roseann Grimm lässt sich von ihrem italienischen Großvater inspirieren, einem Krabben- und Lachsfischer aus Amalfi. Er betrieb einst ein Austernlokal im Stadtteil North Beach, das beim großen Erdbeben von 1906 zerstört wurde. Diese Verbindung zur italienischen Einwanderungsgeschichte und zur Fischereitradition San Franciscos verleiht dem Restaurant eine Authentizität, die sich nicht künstlich inszenieren lässt. Auch kulinarisch bleibt die Anchor Oyster Bar hoch angesehen: Im Guide Michelin 2026 wird sie weiterhin mit einem Bib Gourmand geführt.
Das Lokal eignet sich hervorragend für ein entspanntes Mittagessen, ein frühes Abendessen oder ein Seafood-Date vor einer Tour durch die Bars und Clubs des Castro. Wegen des kleinen Gastraums und der treuen Stammkundschaft kann es vor allem zu beliebten Zeiten zu Wartezeiten kommen. Wer früh erscheint, hat meist die besseren Chancen. Die Preise liegen insbesondere bei Austern, Krabben und größeren Meeresfrüchtegerichten über denen eines einfachen Nachbarschaftscafés, doch Frische, Qualität, Geschichte und Lage machen den Besuch zu einem besonderen Erlebnis.
Am besten bestellt man zunächst ein paar Austern und anschließend das berühmte Cioppino. Dazu passt ein Glas Wein und ein gedanklicher Toast auf ein kleines Restaurant, das seit fast fünfzig Jahren Teil des queeren Lebens im Castro ist. Nur wenige Orte verbinden Meeresfrüchte und LGBTQ+-Geschichte auf eine so köstliche Weise.
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